Per Kanu durch die Donau-Au
Eine Reportage von Thomas Rambauske
Die Donau-Seitenarme bei Stopfenreuth südöstlich von Wien gehören wohl zu den wertvollsten Naturkostbarkeiten Österreichs. Wie aber diesen undurchdringlichen Dschungel und seine Flusslandschaft erkunden? Am besten mit dem Kanu. Denn nur im sanften Dahingleiten ist es möglich, die Dynamik des Flusses zu erfahren.

"Bitte alle auf mein Kommando hören und leise paddeln!", instruiert uns die Nationalpark-Rangerin vom Bug des Riesenkanus her. "Leise paddeln deswegen, damit die Fauna um und unter uns nicht allzusehr gestört wird und wir sie auch zu sehen bekommen!"
10 Mann/Frau/Kind haben im Boot Platz gefunden. Die Kleinsten mit Schwimmwesten, jeder Matrose ein Paddel in der Hand, mit dem er das seine zur Fahrt durch die Hainburger Au im wahrsten Sinne des Wortes beisteuern muss. Der richtige Umgang mit dem Gerät ist schnell erlernt: eine Hand am Knauf, die andere etwa in der Mitte, mit einem kräftigen Ruck wird die Schaufel ganz ins Wasser getaucht und durchgezogen. Im Gleichtakt der Paddelschläge erreicht das Boot eine ordentliche Geschwindigkeit. Dennoch schlägt es nur wenig Wellen und ist das leise Gurgeln, wenn die Paddel ins Wasser tauchen, kaum zu hören. Selten auch habe ich unsere an sich so redseligen Kids derart maulstat erlebt. Denn alles um uns ist so anders, so neuartig, so fantastisch.
Ausgehend vom Auen-Informations-Zentrum beim Hochwasserschutzdammin Stopfenreuth gleiten wir also neugierig durch eine der kostbarsten Naturgüter, die Wien hat: die Hainburger Au.

Was uns zuerst auffällt, sind bis zu ihrer Mitte mit Schlamm bedeckte Bäume und Ufersträucher. "Bis fast zwei Meter hoch reichte das Hochwasser der vergangenen Regentage", erklärt uns die Rangerin, "nun ist der Wasserpegel wieder auf normal gesunken". Der ständige Wechsel des Flusspegels gehöre hier zur Tagesordnung und mache eben eine Au aus, deren Wesen vom Wesen eines Flusses bestimmt wird.
Es riecht nach feuchter Erde und brackigem Wasser, nach dem Parfume de la Au sozusagen. Mitunter mischt sich Moschus-Duft dazu, den Biber zur Markierung ihres Reviers einsetzen.
Dem braungrünen Wasser lässt sich nicht bis auf den Grund blicken. Hin und wieder gleiten wir an Teichrosen-Blätter vorbei. "Achtung! Paddel einziehen!", lautet plötzlich das Kommando. Die Rangerin umfährt mit wenigen gekonnten Handgriffen einen vom Wind oder von Bibern gefällten, weit in den Fluss reichenden Baum. Auch er gehört zu den wichtigen Ingredienzien dieses Biotops und dient Fauna und Flora als Lebensraum.
Der dschungelartige, undurchdringliche Auwald um uns macht sich durch seltsame Geräusche, Laute und Rufe bemerkbar. Viele seltene Vogel- und Froscharten lebten hier, mit etwas Geduld könne man Enten, Reiher, Eisvogel und abends Rotwild sehen und hören, erklärt uns die Rangerin. Die Stimmen aus dem Backstage-Bereich des Auwaldes ergeben eine fast gespenstische Hintergrundmusik.

Wir gleiten an gefährdeten Baumarten vorbei wie Silberweiden und Schwarzpappeln. "Die Altbaumbestände haben große Bedeutung für die Vogelwelt", erklärt uns die Kapitänin, "vor allem Spechtarten wie Schwarzspechte haben hier ihre helle Freude!". Ob die Au tatsächlich sich selbst überlassen bleibt, fragt die kleine Lena. "Ja, sie bleibt, wie sie ist. Wir greifen nur zum Zweck der Renaturierung ein. Damit sollen durch die Forstwirtschaft vergangener Zeiten eingebrachte Exoten, wie die Robinie und Hybridpappeln, wieder zurückgedrängt werden. Der einzige Baumfäller, der bleiben darf, ist der Biber", lautet die Antwort der Rangerin.
Dessen Spuren sind hier reichlich zu sehen. Gefällte Bäume überall, Rutschbahnen ins Wasser, kleine Dämme. Die Rangerin fischt uns "Biber-Spaghetti" aus dem Wasser – fein säuberlich abgenagte Zweige. Interessant auch die Geschichten von den hier heimischen giftigen Ölkäfern, von jenen Bäumen, an die sich die Au-Besetzer anno 1984 gekettet hatten, um durchzusetzen, dass dieses Natur-Juwel erhalten bleibt, und von jener alten römischen Brücke, deren Mauerreste noch immer am Boden des Donauarms liegen.

Landurlaub, bevor der Seitenarm in die "echte" große Donau einmündet! In ihren Strom dürfen wir nicht gelangen, da ein Rudern gegen ihn ein denkbar mühsames, vielleicht sogar unmögliches Unterfangen wäre. An Land stapfen wir betongewöhntes Stadtvolk durch fragiles Schwemmgut aus Holz, Gras und Morast, sodass wir uns vorkommen wie die ersten Menschen auf einem fremden Planeten.

Im Sumpf versteckt Flussmuscheln. Muscheln! Und das wenige Kilometer von Wien entfernt! Außen braun, innen aber mit glänzendem Perlmutt tapeziert ziehen sie unsere Kleinsten magisch an. Emsig suchend stapfen sie durch den Morast des Tümpelufers und sammeln, was das Zeug bzw. das Sackerl hält.

Zurück in den Booten sinkt die Nachmittagssonne hinter die Baumkronen und wirft kühlende Schatten über das Wasser. Im letzten Licht des Tages erscheinen die vielen Grünschattierungen des Au-Dschungels noch satter. Wenn der Uferwald mit seinem Spiegelbild im ruhigen Auwasser verfließt, ergibt das ein Gemälde von unbeschreiblicher Schönheit.

Müdigkeit macht sich breit. Unsere Jüngsten lehnen sich zurück, lassen die anderen tun. Macht nichts. Geht auch so.
Nach 3-stündiger Fahrt heißt es: Land in Sicht! Wir kehren zurück zum Ausgangspunkt, steigen mit wackeligen Beinen, aber auch erfüllt von Eindrücken, Bildern und Geräuschen aus dem Boot. Wir waren im Urwald! Wem wir das erzählen, wird es nicht glauben. Also muss er sich selbst auf den Weg machen in die Au, in dieses phantastische Märchenland aus Geräuschen, Farben und Gerüchen.

Ausrüstung: witterungsangepasste Kleidung wie Regen- oder Sonnenschutz, Gummistiefel, Gelsenschutz sowie ausreichend Getränke
Dauer: 3 Stunden
Kontakt: SchlossORTH Nationalpark-Zentrum: Schloss Orth, 2304 Orth/Donau, E-Mail: schlossorth@donauauen.at


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