Warscheneck: Seilbahnlobby mit Tunnelblick
U-Bahn durch ein Naturjuwel
Vier Jahre nachdem eine Plattform aus alpinen Vereinen, Natur- und Umweltschützern und vielen Privatinitiativen das skurrile Projekt einer Seilbahn auf das Warscheneck zu Fall brachte, regt sich der Erschließungswahn von Neuem.
(Von Edi Koblmüller, "Griffig", LAND DER BERGE 1/2015)

Nach der verhinderten Skischaukel über das Karstgebirge zwischen Hinterstoder-Höss und Wurzeralm liegt jetzt das Projekt einer U-Bahn-Trasse zwischen Schafferteich/Loigistal und Frauenkar-Sessellift auf dem Tisch. Natürlich stecken mit den Hinterstoder-Wurzeralm ("HiWu") Bergbahnen und der Pyhrn-Priel-Tourismus GmbH wieder jene Seilbahnlobbyisten dahinter, die sich über alle rechtlichen, politischen und – ja, auch ökonomischen Bedenken hinwegzusetzen pflegen: Umweltschutz, stagnierender Pistenskilauf, Klimawandel, extrem hohe Betriebskosten usw. Es sind keine Leichtgewichte, die das Projekt mit aller Gewalt durchpeitschen wollen, allen voran der mit 53% an der "HiWu" beteiligte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und Herbert Gössweiner, der als Vorstand der Pyhrn-Priel-Touristiker kürzlich eine positive Machbarkeitsstudie vorgelegt hat – no na, der Mensch kann ja auch zum Mars fliegen. Die prophezeiten Megakosten von 150 Mio. Euro wären vom Steuerzahler zu tragen, eh klar, nicht von den Protagonisten Schröcksnadel, Gössweiner oder Helmut Holzinger, Chef der "HiWu". Wenn dem nur ansatzweise so wäre, würde das Projekt gar nicht am Tisch liegen.

ÖKOLOGISCHER RAUBBAU
Die Argumente gegen die Seilbahn haben sich bei der Tunnelvariante kaum verändert, auch wenn manche Kritiker die U-Bahn als kleineres Übel betrachten. Wirtschaftlich ist der Stollen noch ineffizienter, da die Wurzeralm weiter vernachlässigt bleiben würde, auch wenn Herr Schröcksnadel den Zusammenschluss der Skigebiete als Voraussetzung für Investitionen auf der "Wurzer" fordert. Auch der 4,5 km lange Tunnel vom Schafferteich ins Frauenkar und die neuen Liftanlagen sind ökologischer Raubbau an unversehrter Natur, ein Retro-Projekt, dessen versprochener Tourismus-Höhenflug einer Fata Morgana gleicht. Fast alles spricht gegen die Verbindung der Skigebiete, wie folgende Schlagworte ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufzeigen:

  • Der Pistenbau im Kalkgebirge erfordert massivere Geländekorrekturen als in Gebieten mit "grasiger" Topografie. Selbst großer Technoeinsatz kann aus "HiWu" kein Topgebiet wie Obertauern, Saalbach oder Gastein machen.
  • Skigebiete unter 1500 m Höhe haben durch den Klimawandel keine längerfristige Zukunft: extrem hoher Wasserbedarf zur Beschneiung, zusätzliche Speicherteiche, großer Energiebedarf.
  • Das Warscheneck steht als Wasserschongebiet von österreichischer Bedeutung unter Schutz. Tunnelvortrieb und Beschneiung könnten die Karstquellen von Pießling-Ursprung, Windhagersee und Schafferteich und die Trinkwasserqualität gefährden.
  • Die Fokussierung auf den Wintertourismus verringert die Chancen für den nachhaltigen Sommertourismus. Die touristische Zukunft liegt nicht im tendenziell kürzer werdenden Techno-Winter mit teurem Kunstschnee, sondern im länger dauernden Frühling, Sommer und Herbst. Erfolgreiche "sanfte" Regionen wie Großarl- und Villgratental beweisen, dass Eventtourismus à la Ischgl nur eine von vielen Möglichkeiten ist.
  • Das Gebiet beim Schafferteich wird in der mehrjährigen Bauphase zur riesigen Schutthalde (Tonnen von Baumaterial und Abraum), Tausende LKW-Fahrten belasten die engen Straßen nach Roßleithen und Vorderstoder, und beim Tunnelportal sind 1600 Parkplätze geplant (!).
  • Ausbau und Technisierung von Skigebieten sind mit Blick auf den Klimawandel absurd und führen bei schwindenden Skifahrerzahlen zum Verdrängungswettbewerb. Obwohl es Schneesicherheit erst ab 1800 m geben wird, gibt es das Wort Klimawandel im Wortschatz mancher Tourismusmanager nicht.
  • Die Investitionskosten von 150 Mio. Euro stehen in keinem Verhältnis zu den kaum 10 (zehn!) zusätzlichen Pistenkilometern. Klimawandel, Wasser- und Energiekosten machen das Tunnelprojekt zur wirtschaftlichen Totgeburt.
  • Seilbahnmanager und Touristiker bauen unrealistische Erwartungshaltungen bei Gästezahlen und Wertschöpfung auf. Kritische Wirtschaftsexperten halten solche Prognosen für unerfüllbares Wunschdenken.

ZUKUNFTSSTRATEGIEN
Es gibt einen Ausweg aus der Sackgasse, denn schon die Hälfte der Wintergäste (nicht nur) in der Pyhrn-Priel-Region fährt nicht mehr Alpinski auf eisigen Pisten, kommt wegen der unberührten Landschaft und unternimmt Skitouren. Laut ÖAV gibt’s 700.000 Skitourenfahrer in Österreich – noch vor ein paar Jahren waren Hundertschaften auf Modeskitouren unvorstellbar. Hier liegen die Chancen für kleinere Skigebiete wie die Wurzeralm, die sich als gemütliches Familienskigebiet positioniert und als Kompetenzzentrum für Tourenskilauf prädestiniert ist. Für den (längst notwendigen) Ausbau der Infrastruktur und Lifte sind keine dreistelligen Millionenbeträge erforderlich – ein Bruchteil davon reicht für die Modernisierung. Zusätzlich blieben auch noch Mittel für einen Investitionsschub in Richtung Sommertourismus übrig: Ausbau von Wanderwegen, Bau eines Klettersteiges, Anlage eines Klettergartens usw. Mit "intelligenten" Maßnahmen wären die immer verzweifelter klingenden Rufe "Rettet die Wurzeralm!" oder "Rettet das Warscheneck!" nicht mehr notwendig (?).

PS: Man ist gespannt, wie der Kampf um die U-Bahn zwischen Technokraten und Naturmenschen ausgeht. Zur Sicherheit sie die Website www.warscheneck.at erwähnt, die beim "Pyrrhussieg" gegen die Seilbahn wichtige Informationsquelle war und wieder online ist.


Bilder: Roland Mayr, OÖN



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