Peilstein-Gedicht

Gedicht von Hans Schwanda und Paul Wertheimer

Heut will ich den Peilstein loben,
unser Kletterparadies,
warst du einmal hier heroben,
kommst du wieder, ganz gewiss.
Wozu tausend Kilometer
mit der Eisenbahn verfahr'n?
Wozu Pelmo und Civetta,
Monte Rosa, Matterhorn?
Wozu in die Dolomiten,
wozu fahr'n wir in die Schweiz?
Unsre gute Peilsteinhütt'n,
hat genau denselben Reiz.
Alles, was dein Herz begehrt,
kriegst hier oben du beschert:
Ansichtskarten, warme Suppen,
junge Männer, hübsche Puppen
Gulasch, Linsen, Erbsen, Bohnen,
in verschiedenen Fassonen.
Hartes Lager, weiche Betten,
Bergwachtmänner, die dich retten.
Einen Saal zum Übernachten,
Mondscheinstimmung, Polsterschlachten,
Höhlenbiwak voller Härte,
mundharmonische Konzerte.
Klettern mit den Kameraden,
Fußballspielen, Sonnenbaden,
kurz gesagt, man findet dort,
einfach jeglichen Komfort.
Am "Cimone" kraxelt jeder,
schwache Greise, Weib und Kind,
Halbschühlein aus Sämischleder
und der Kittel fliegt im Wind.
Bäuche, schwer wie Zentnerlasten,
werden hier hinaufgehisst,
junge Liebespärchen rasten,
weil's hier so romantisch ist.
Sie: ein Mädchen, jung an Jahren,
Turm mit roter Masche drin;
er: mit schönen Beatle-Haaren,
Lederweste und Bluejean.
Mit dem Gürtel seiner Hose
sichert Mädchen er samt Rock,
und als sehr geknickte Rose
sitzt sie dann am Gipfelblock.
Stolz auf seine Heldentaten
martert er den Apparat,
der trotz unbezahlter Raten
wundervolle Töne hat.
Sambatöne in den Lüften,
wilde, heiße Hotmusik,
sie schwingt ganz verzückt die Hüften
und er lauscht mit sturem Blick.
Er sitzt auf der Lederweste,
spricht zu ihr von Sexappeal.
Sie meint: "Geh'n wir, 's ist das beste,
denn ich hab ein Schwindelg'fühl!"
Doch den Weg, den er gekommen,
ängstlich er nun abwärts schaut,
und da merkt er erst beklommen,
dass er sich nicht 'runter traut.
Ängstlich äugt er im Gelände,
steil ist's wie ein Kirchendach,
überall sind steile Wände,
und der Halbstarke wird schwach.
Und so sitzen am Cimone,
Fred und Conni, eng vereint,
beide gelbgrün wie Zitrone,
bis der Mond herunterscheint.
Doch es gibt hier auch Gesellen,
die aus anderem Holz geschnitzt,
die sich durch die Risse quälen
abgeschunden und verschwitzt,
die die tollsten Wände packen,
wie die Wilden, drauf und dran,
und mit Seil und Mauerhaken
schon hantieren in der Bahn.
Auf der Vegetarierkanten
hängt gerade so ein Held,
droben steh'n zwei Fabrikanten,
wetten, ob er 'runterfällt.
Und den einen fasst ein Schauern.
"Nichts dabei", der and're spricht.
Alle beide aber lauern,
ob nicht doch ein Griff ausbricht.
So ein Luftsprung von der Kanten
wär' ein Schauspiel ohne Frag',
und sogar zwei Fabrikanten
sehen das nicht jeden Tag.
Doch der Klett'rer mit der Schlinge
steigt ganz ruhig oben aus,
und enttäuscht vom Lauf der Dinge
geh'n die zwei aufs Peilsteinhaus.
Stärken sich für alle Fälle
noch mit Torte und Kaffee,
rollen dann wie Gummibälle
sanft hinab nach Schwarzensee.
Drunten wartet der Mercedes,
Tempo schafft ein Hochgefühl!
Und der Klett'rer hatscht per pedes
heimwärts durch die Hinterbrühl.
Wenn es keinen Peilstein gäbe,
wär' die Welt nur halb so schön,
unser Peilsteinhaus, es lebe,
und es möge ewig steh'n!


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