Interview mit Philipp Stölzl, dem Regisseur von ''Nordwand''
Mit „Nordwand“ kommt am 24. Oktober ein spannender Bergfilm in die heimischen Kinos. Ein Gespräch mit dem Regisseur Philipp Stölzl über alpine Tragödien, historische Genauigkeit und die Chancen eines vergessenen geglaubten Genres.

LAND DER BERGE: Sie sind als Musikfilmer bekannt, haben sich mit Musikvideos für Madonna und Mick Jagger einen Namen gemacht. Was hat Sie jetzt am Thema Berg fasziniert?

Philipp Stölzl: Das klingt nach einer scharfen Kurve, klar. Musikvideos und Bergfilm, gegensätzlicher geht’s fast gar nicht. (Lacht) Aber ich kann mich eben für sehr verschiedene Dinge begeistern! Nach meinem Kinodebüt „Baby“ vor vier Jahren habe ich weiterhin viele Musik-Videos und Werbefilme gemacht, sogar Opern inszeniert, dabei aber fortwährend nach dem Stoff für den zweiten Film gesucht. Eine Menge Arbeit ist in zwei US Projekte geflossen, die am Ende leider nicht stattfanden. „Nordwand“ war dann als Stoff stark genug, nicht nur mich selber als Regisseur zu faszinieren, sondern auch die Finanziers, Fernsehsender und Förderungen.

LDB: Es hätte also auch ein ganz anderer Film sein können?

Stölzl: Naja, einen Arthouse-Film wie „Baby“ wollte ich nicht mehr machen. Der hatte zwar tolle Kritiken, aber kaum Zuschauer. Das fand ich frustrierend. Beim Drehbuch von „Nordwand“ wusste ich, dass das ein Genre ist, was möglicherweise viele Leute ins Kino lockt.

LDB: Von all den alpinen Tragödien, die sich in den letzten hundert Jahren ereignet haben, ist die Geschichte von Kurz und Hinterstoisser am Eiger wohl die tragischste. Warum haben Sie sich ausgerechnet diese ausgesucht?

Stölzl: Die Eigertragödie von 1936 fasziniert auf ihr eigene, schreckliche Weise. Wenn man, wie ich in diesem Fall, lieber eine Geschichte über das Scheitern erzählen will als über Heldentum, ist sie eine perfekte Vorlage. Außerdem sind die alpinen Geschichten, die in Erinnerung bleiben, doch sowieso meist Tragödien, oder? Ich denke da an Messner und seinen Bruder, Everest 1996, oder die Dramen, die sich für die Deutschen am Nanga Parbat abgespielt haben.

LDB: Die „Nordwand“ erinnert in ihrem Realismus an klassische Bergfilme der Dreißigerjahre. Sehen Sie sich hier in einer Tradition von Luis Trenker und Arnold Franck?

Stölzl: Ja und nein. Die Arbeiten von Franck und Trenker sind tolle Filme, bildgewaltig und handwerklich echte Pionierleistungen. Davor habe ich den größten Respekt! Aber durch die Vereinnahmung des Bergfilms im Dritten Reich ist das Genre natürlich ideologisch vermint. In dieser Hinsicht möchte man sich da auf keinen Fall in eine Tradition einreihen.
Auch visuell muss man da andere Wege gehen heute. Der knatternde Pathos der alten Filme und ihre extrem stilisierte Bildsprache, das hat etwas unfreiwillig Komisches, wenn man das jetzt ansieht.
Mir ging es darum, Bergsteigen so real wie möglich zu zeigen, dem Zuschauer das Gefühl von „du kletterst mit“ zu geben. Daran liegt die Modernität. Bei „Nordwand“ ist der Betrachter auf Augenhöhe mit dabei. Die Kamera dokumentiert wie ein Kriegsberichterstatter. Wir haben deshalb auch vornehmlich Objektive eingesetzt, die der Wahrnehmung des menschlichen Auges sehr nahe kommen. Sogar Spritzer auf der Linse wurden nicht retuschiert.


LDB: Hollywood ist genau an dieser alpinen Glaubwürdigkeit immer gescheitert …

Stölzl: Naja, Produktionen wie„Cliffhanger“ oder „Vertical Limits“ haben ja mit Bergsteigen nicht soviel zu tun. Das sind halt Action-Spektakel, die einen Berg als Schauplatz nützen, mehr nicht. Die Spannung speist sich dabei nicht aus dem Bergsteigen, sondern aus anderen Plot-Elementen wie einer Bombe im Koffer oder Gangstern in Helikoptern. Etwas Langsames und Mühsames wie Bergsteigen, dessen Faszination auf der Leinwand nur schwer sichtbar zu machen ist, geht in so einer Kinoachterbahn zwangsläufig unter. Da ist nichts Schlechtes dran, „Cliffhanger“ ist ja ein großes Vergnügen, ist eben nur kein Bergfilm im klassischen Sinne. Beim Bergfilm ist der Berg der Hauptdarsteller und der Kampf mit ihm der Kern der Handlung.

LDB: Der Schauplatz Berg bietet ja eine Fülle an Geschichten ganz unterschiedlicher Prägung. Warum wird er von Filmemachern so wenig genutzt?

Stölzl: Der Berg ist ein Alptraum zum Drehen. Das unberechenbare Wetter, mühsame Logistik an schwer erreichbare Drehort,e, nicht zuletzt die Sicherheit des Teams machen das Filmen zur Qual. Filmen ist ja sowieso schwierig. Und Bergsteigen auch. In der Kombination sind beide Dinge ein Alptraum. Nicht umsonst haben ja Franck und Trenker oft Jahre an ihren Filmen gedreht, die haben wie die Hippies auf einer Hütte gehockt und halt so lange gewartet, bis das Wetter gestimmt hat. Leider kann man heute so nicht mehr arbeiten. Schon allein die Gagen von Schauspielern und Team würden jede Produktionsfirma in den Ruin treiben.
Ein anderer Grund ist, dass der Berg auch noch visuell ein schwieriger, letztlich undankbarer Schauplatz ist. Oft müht man sich ab, klettert wo hoch, friert sich im Schneesturm die Nase ab - und am Ende sieht es auf dem Film nach nix aus. Die Intensität von Wetter, die Weite und Tiefe des alpinen Raums, das ist schwer so spektakulär einzufangen, wie es sich in echt anfühlt.

LDB: Im Film „Nordwand“ ist ein Gutteil der Top-Riege der deutschen und österreichischen Nachwuchsschauspieler versammelt. Wurden diese nach ihrer Berg-Affinität ausgewählt?

Stölzl: Wir haben uns erster Linie Schauspieler gesucht, die wir für die Rollen richtig fanden. Manche, wie Benno Führmann und Simon Schwarz, konnten klettern. Andere, wie Florian Lukas, haben extra für den Film Klettern gelernt. Aber wollten unbedingt mitmachen bei diesem Vorhaben und hatten kein Problem damit, monatelang am Felsen und in der Halle für die Produktion zu trainieren.
Das Klettern hat sich dann beim Drehen als verbindende Sache erwiesen, nicht nur für die Schauspieler, sondern für das ganze Team. Es ist eine Art Filmseilschaft entstanden. Das war toll. Wenn am Wochenende drehfrei ist, wird ja normalerweise gefeiert. Bei uns traf man sich stattdessen in der Früh am nächstliegenden Kletterfelsen.

LDB: Die Österreicher, Edi Rainer und Willy Angerer, kommen in der „Nordwand“ – verglichen mit ihren deutschen Seilpartnern – schlecht weg. Warum?

Stölzl: Das war für die Spannung notwendig und hat sicher nichts mit deutschem Chauvinismus zu tun! In der Wand werden die Deutschen und die Österreicher, die als Konkurrenten losgeklettert sind, ja zu einer Seilschaft. Das ist der dramaturgische Witz: Tödliche Gegner, die dann zu einer Schicksalsgemeinschaft werden. Dafür mussten wir die beiden Parteien aber erst zu möglichst großen Feinden machen. Kurz und Hinterstoisser haben wir ideologisch unverdächtig erzählt, damit sie sich als Identifikationsfiguren des Films eignen. Ob die wirklich nicht begeistert waren vom Führer als junge Männern 1936? Wissen wir nicht. Aber für den Film ist es richtig! Den beiden Deutschen stehen dann als Antagonisten und Bösewichter die Exilösterreicher und SA Mitglieder Rainer und Angerer gegenüber. Dass die beiden ziemliche Nazis waren, ist historisch verbürgt.

LDB: Wie wichtig war ihnen in diesem Film die historische Genauigkeit?

Stölzl: Bei der Recherche stößt man überall auf leicht unterschiedliche Versionen der Eigertragödie von 1936. Man weiß ja nur, was die Leute auf der Scheidegg durch ihre Ferngläser gesehen haben und was der halbtote Toni Kurz seinen vermeintlichen Retter im Delirium heruntergerufen hat. Das ist klar, dass dabei eine gewisse historische „Unschärfe“ entsteht. Faktum ist, dass Angerer früh verletzt war und trotzdem weiter ging, dass sich die Deutschen und die Österreicher in der Wand vereinigt haben, dass sie irgendwann umgekehrt und beim Abstieg in einen Schneesturm gekommen sind, dass eine Lawine Angerer, Rainer und Hinterstoisser das Leben gekostet hat und Kurz nach einer schrecklichen Nacht in der Wand trotz der Bemühungen der Schweizer Bergführer nicht gerettet werden konnte. Der Rest ist, vereinfacht gesagt, Vermutung. Für die Drehbuchentwicklung haben wir uns, was den Bergsteigerteil betrifft, ziemlich genau an die Fakten gehalten und versucht, bergsteigerisch und klettertechnisch so akkurat wie möglich zu erzählen. Nur an einigen Stellen haben wir uns fiktionale Freiheiten erlaubt, um zu verdichten und Dinge auch für die nicht-alpinen Zuschauer klar zu machen. Es gibt zum Beispiel einen Sturz in der Wand, bei dem sich Willy Angerer sich das Bein bricht. Der ist ausgedacht, damit auch allen klar ist, dass es jetzt für die Bergsteiger nicht mehr weiter rauf geht.

LDB: Versteht sich der Film dennoch nicht als Doku-Drama?

Stölzl: Nein, überhaupt nicht. „Nordwand“ ist ein klassischer Kinofilm, dem eine wahre Geschichte zugrunde liegt. Dabei geht’s in erster Linie nicht um die Wahrheit, sondern darum, dass der Film die Zuschauer packt und bewegt. Darum haben wir auch, was die Handlung um das Bergsteigen herum betrifft, schwer dazugedichtet. Es gibt einen Bösewicht, einen gewissenlosen Nazijournalisten, und es gibt natürlich eine Liebesgeschichte, Dinge, die ein Kinofilm für das breite Publikum einfach braucht.

Das Interview führte Klaus Haselböck


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